Die Spielkarten

Die Deutung mittels Spielkarten hat in Europa eine Tradition, die wohl auf die fahrenden Zigeuner zurückgeht. Ende der achtziger Jahre des 20.Jh. erschien ein interessantes Buch, das sich der ausführlichen Interpretation aller 52 Spielkarten widmet.

Aus dem Buch "In die Karten geschaut" von Marthy Jones, Verlag Knaur Esoterik, Deutsche Erstausgabe 1987

"Wahrscheinlich gibt es keine zwei Kartendeuter, die die Karten auf die gleiche Weise deuten. Trotzdem beruhen alle Aussagen auf denselben traditionellen Werten, die im Laufe der Zeit mit den Karten verbunden worden sind. Über den Ursprung dieser traditionellen Bedeutungen haben sich schon viele den Kopf zerbrochen und versucht, die Logik dieses Systems zu erfassen. Es ist deshalb äußerst interessant, sich mit den gebräuchlichsten und beliebtesten dieser Hypothesen zu beschäftigen. Die erstaunlichste Theorie über den Ursprung der Karten ist die Annahme, daß eine Verwandtschaft zwischen dem Kartenspiel und dem Kalenderjahr bestehe. Dies wird folgendermaßen begründet:

Das Spiel enthält zwölf Hofkarten (drei für jede der vier Serien oder "Farben"), was den zwölf Monaten eines Jahres und den zwölf Tierkreiszeichen entspricht. Das Spiel ist zweifarbig (nicht zu verwechseln mit den vier Symbolen Kreuz, Herz, Pik und Karo, die auch oft Farben genannt werden: Herz und Karo sind rot, Kreuz und Pik sind schwarz), so wie auch das Jahr durch die Sonnenwenden in zwei Hälften unterteilt wird. Zu jedem Symbol gehören 13 Karten, so wie jede Jahreszeit 13 Wochen hat. Außerdem läuft der Mond in einem Jahr dreizehnmal um die Erde. Das Spiel besteht aus 52 Karten, die den 52 Wochen des Jahres entsprechen. Manche sind auch der Ansicht, daß die vier Symbole des Kartenspiels mit den vier Jahreszeiten in Zusammenhang stehen. Die Summe der 13 Karten einer Farbe ist 91 und entspricht damit der Anzahl der Tage einer Jahreszeit. [...]

Wir könnten noch mehr dieser erstaunlichen Entsprechungen aufführen, die die obengenannte Theorie unterstützen, aber die bis jetzt aufgezählten Fakten dürften schon überzeugend genug sein."

 

Die Geschichte des Kartenlegens

Aus der Anleitung zu den Wahrsagekarten No.1904 von Piatnik, Wien 1986

"Es gilt schon sehr wenig über die Geschichte der Spielkarten im allgemeinen als gesichert - noch viel weniger ist über die Geschichte des Wahrsagens aus Karten bekannt. Mit Sicherheit wissen wir nur:

Die ältesten Nachrichten über Spielkarten in Europa stammen aus den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts. Die ältesten Karten sind aus dem frühen 15. Jahrhundert erhalten.

Das früheste Zeugnis für das Wahrsagen aus Spielkarten bildet das "Mainzer Losbuch", das zwischen 1505 und 1510 bei Johann Schöffer gedruckt wurde. Daher kann wohl angenommen werden, daß bereits am Beginn der Verbreitung von Spielkarten  in Europa deren Eignung zum Wahrsagen erkannt wurde. Diesen ersten Bildern waren auch schon die deutenden Sprüche zugeordnet.

Entscheidend jedoch für die Entwicklung der Wahrsagekarten ist das 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung. In dieser Zeit gab es magische Zirkel, die Alchemie erlebte einen Aufschwung, und das Kartenlegen entwickelte sich zu der hohen Kunst, die es bis heute geblieben ist.

Aus dieser Zeit sind einige Kartenspiele (z.B. aus England, Frankreich und Deutschland) bekannt. Aber auch für das Kartenaufschlagen bedeutsame Personen sind überliefert, wie z.B. der französische Perückenmacher Alliette, genannt Etteilla, der ein okkultes Spiel entwickelte, oder die bekannteste Wahrsagerin des 19. Jahrhunderts, Mademoiselle Lenormand aus Paris. Über sie ist bekannt, daß Napoleon nicht gut auf sie zu sprechen war, wahrscheinlich, weil seine Frau Josephine de Beauharnais von ihr scheinbar mehrmals beraten wurde."

 

Kartenlegern auf der Spur

Aus "Wahrsagekarten" von Detlef Hoffmann und Erika Kroppenstedt, Deutsches Spielkartenmuseum in Bielefeld e.V., 1972 (Ausstellungskatalog)

"Zeugnisse für Kartenlegen vor dem 18. Jahrhundert sind spärlich. Das Motiv der Kartenspieler wird oft mit dem des Besuches bei der Kartenlegerin verwechselt. So wird der Kupferstich Israel van Meckenems "Kartenspielendes Paar" bei einigen Autoren zum Besuch bei der Wahrsagerin. Die im 17. Jahrhundert am meisten dargestellte Praktik ist das Handlesen. Das berühmteste Beispiel ist das Gemälde Caravaggios, auf dem ein schöner Jüngling einer jungen Zigeunerin seine Hand zeigt. Auch in einer Radierung hat Caravaggio dieses Thema behandelt, das als "Umschreibung für die Täuschung der Gutgläubigen" zu verstehen ist. Später - etwa in einem Gemälde des Willem van Mieris von 1706 -  blickt eine häßliche Alte in die Hand einer schönen, vornehmen Frau, um ihr die Zukunft zu sagen. Dabei sind Kartenspieler in dieser Zeit ein beliebtes und häufig vertretenes Thema, so daß wir nicht annehmen können, Spielkarten seien diesen Malern unbekannt gewesen. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts nehmen die Bilder, auf denen Handleserinnen wahrsagen, ab, Bilder mit Kartenlegerinnen werden zu dieser Zeit häufiger.

Das gleiche ist auch für die schriftlichen Zeugnisse festzustellen: Thomas von Aquin in seiner "Summa Theologiae" zählt - einem dem Kulturhistoriker nützlichen Zwang zur Systematisierung und zur Gründlichkeit folgend - alle ihm bekannten Wahrsagepraktiken auf, auch die Chiromantie - die Kartenlegerei fehlt noch. Sie wird auch in dem sehr gründlichen Buch über die Methoden der Zukunftsdeutung des Kaspar Peucer von 1591 nicht erwähnt, obwohl Spielkarten schon über 200 Jahre in Europa bekannt waren und obwohl wir durch die Losbücher wissen, daß sie auch zum Wahrsagen benutzt wurden. So verwundert es kaum, wenn uns auch "Das grosse Planetenbuch sampt der Geomancie, Physiognomie und Chiromantie" nichts über Kartenlegen sagt. Im Unterschied zu dem wissenschaftlichen Werk Kaspar Peucers wendet sich das Planetenbuch an die einfacheren Schichten, das sogenannte Volk. Schließlich ist gesagt worden, daß die Sibylle von Panzoust Panurgen aus den Karten wahrsagte. Doch ist in Rabelais' "Gargantua und Pantagruel", das 1534 in Lyon zum ersten Male erschien, nicht von Spielkarten die Rede, sondern von Zauberpapyri, die schon in der Antike verwandt wurden. Es bleibt dabei, daß wir vor dem 18. Jahrhundert kaum etwas über Wahrsagung aus Karten erfahren."

 

Die Losbücher

Aus dem Buch "Handlesen, Kartenschlagen, Pendeln" von Rudolf Drössler und Manuela Freyberg, Koehler und Amelang Leipzig, 1990

"Handschriftliche Losbücher sind aus dem 13. und 14. Jahrhundert, gedruckte seit dem 15. Jahrhundert erhalten geblieben. Nachdem sich von der Mitte des 14. Jahrhunderts an in Europa die Spielkarten durchgesetzt hatten, wurden sie gleichfalls zum Aufsuchen von Orakelsprüchen benutzt. Anschaulich führt uns das ein Bild von Pietro Vecchio (1605-1678) vor Augen. Einem bärtigen älteren Mann wird eine Spielkarte gezeigt, deren Zahlenwert die entsprechende Seite im Losbuch angibt. In diesem befindet sich außerdem eine Zahlenscheibe, die zum "Auslosen" der Seiten und Sprüche dienen kann. Als bisher ältestes gedrucktes Werk vergleichbarer Art hat sich das zwischen 1505 und 1510 von Johann Schöffer in Mainz geschaffene "Loszbuch ausz der Karten gemacht" erwiesen. Auf zwölf von insgesamt sechzehn Seiten sind je vier Figuren von Spielkarten mit dazugehörigen "Weissagungssprüchen" zu sehen...

Von den Kartenlosbüchern führte die Entwicklung offenbar zu den eigentlichen Wahrsagekarten und zu den modernen Sibyllen, den Kartenlegerinnen. Als man nämlich anfing, die Orakelsprüche aus den Losbüchern auf die Karten zu übertragen, wurden die Bücher überflüssig. Damit begann eine interessante neue Entwicklung."

 

Das 18. Jahrhundert

Aus "Wahrsagekarten und Losbücher" von Detlef Hoffmann, Institut für Spielforschung und Spielpädagogik Salzburg, 1997 (Ausstellungskatalog)

"Tatsächlich berichtet Grillot de Givry - allerdings ohne Quellenangabe - von einer Kartenlegerin mit Namen Ambruget, die Ludwig XIV. aus den Karten den Sieg bei Denain, 1712, vorausgesagt habe. Er weiß auch noch einen Herren dieser Berufssparte mit Namen Fiasson zu nennen. Wohl noch aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammt das Bild eines unbekannten Malers, auf dem die vorläufig früheste Kartenlegerin die Hand visionär erhebt. Unordentlich, über einen Folianten hinweg, sind vor ihr die Karten ausgebreitet.

Das späte 18. Jahrhundert ist dann reich an Darstellungen ratender Kartenlegerinnen. Vor 1770 entstand beispielsweise ein Ölgemälde J. E. Schenaus. In einer unordentlichen, baufälligen Scheune sitzt eine widerliche Alte hinter einem Tisch, über den ein zerfetzter Teppich gelegt ist. Darauf liegen die Karten eines einfigurigen Spieles mit französischen Farben. Kundin ist eine vornehme junge Dame, die elegante Kleider aus schillerndem Atlas trägt. Während die sie begleitende Gouvernante, die hinter dem Sessel ihrer Herrin steht, noch ungläubig die temperamentvoll weissagende Alte anschaut, geht der leichtgläubigen jungen Dame die Antwort sichtlich wie Honig ein. Träumerisch blickt sie zum Himmel. Freudiges Erstaunen gibt die grazile Handbewegung der Rechten kund, die Finger der Linken hingegen berühren das ebenso gefühlvolle wie schelmische Kußmündchen. Wir erraten es: die Frage betraf wohl eine Herzensangelegenheit. Ein Brief, der die Probleme mit sich brachte, liegt auf dem Tisch. Die versierte Wahrsagerin beschränkt sich allerdings nicht nur aufs Kartenlegen. Eine gefüllte Tasse wird ihr ermöglichen, die aus den Karten gewonnenen Erkenntnisse im Kaffeesatz zu verifizieren. Getrocknete Schlangen, ein Pergament mit einer Geheimschrift, eine Eule und Folianten schildern das geheimnisvolle Milieu, in das so eine vornehme Dame gar nicht paßt. Was Wunder, daß sich ihr Schoßhündchen mit der Katze der Wahrsagerin denn auch überhaupt nicht versteht. Ihr großes Geheimnis jedoch verbirgt sich hinter einem Vorhang auf der rechten Seite des Bildes: ein junger Mann. Es ist der Zuträger, der Spion, ohne den eine erfolgreiche Wahrsagerin bis heute nicht arbeiten kann. Er besorgt ihr die Erkenntnisse, mit denen sie ihre Kunden in Erstaunen versetzt..."

 

J. E. Schenau (1737-1806) - Die Wahrsagerin

Bild: commons.wikimedia.org

 

 

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