Ursprung des Tarot

Aus dem Buch "Das Visconti Tarot" von Giordano Berti und Tiberio Gonard, Verlag Königsfurt Urania 1999

"Spielkarten gibt es mindestens schon seit dem 7. Jh. in China und Indien. Die Tarotkarten erschienen erst im 15. Jh. Das Besondere war die Hinzufügung der Trümpfe, die später die großen Arkana genannt wurden. Spielkartenforscher vermuten, daß die Tarotbilder auf eine Erscheinung der italienischen Renaissance zurückgehen - die Triumpfzüge, auch trionfi genannt. Dabei handelte es sich weniger um militärische oder staatspolitische Umzüge. Sie waren eher eine Mischung aus antiken, klassisch-griechischen und römischen Festveranstaltungen, kirchlichen Prozessionen, Theater und Karneval. Die Ausrichter der Triumphzüge waren Patrizierhäuser, Fürsten, Bischöfe, aber auch reiche Handelsleute und städtische Wohnquartiere, die sich zusammenschlossen. teilweise wetteiferten die verschiedenen Organisatoren darum, wer dem Zug die schönsten und prächtigsten Motive beisteuerte und die eindrucksvollsten Szenen darstellte. Aus einer zeitgenössischen Beschreibung  eines Triumphzuges im Florenz des 15. Jh.:

"Zwischen einem Schwarme von Masken zu Fuß und zu Roß erscheint ein gewaltiger Wagen in irgendeiner Fantasieform, und aus diesem entweder eine herrschende allegorische Gestalt oder Gruppe samt der ihr zukommenden Gefährten, zum Beispiel die Eifersucht mit vier bebrillten Gesichtern an einem Kopfe, die vier Temperamente mit den ihnen zukommenden Planeten, die drei Parzen, die Klugheit thronend über Hoffnung und Furcht, die gefesselt vor ihr liegen, die vier Elemente, Lebensalter, Winde, Jahreszeiten usw.; auch der berühmte Wagen des Todes mit Särgen, die sich dann öffneten. Oder es fuhr einher eine prächtige mythologische Szene, Bacchus und Ariadne, Paris und Helena usw. oder endlich ein Chor von Leuten, welche zusammen einen Stand, eine Kategorie ausmachten, zum Beispiel die Bettler, die Jäger mit Nymphen, die armen Seelen, welche im Leben unbarmherzige Weiber gewesen, die Eremiten, die Landstreicher, die Astrologen, die Teufel, Verkäufer bestimmter Waren, ja sogar einmal il popolo, die Leute als solche, die sich dann in ihrem Gesang als schlechte Sorte überhaupt anklagen müssen. Die Gesänge nämlich, welche gesammelt und erhalten sind, geben bald in pathetischer, bald in launiger, bald in höchst unzüchtiger Weise diese Erklärung des Zuges."

Es gibt ein berühmtes Gedicht des frühen Renaissancedichters Petrarca über die trionfi. Diese treten dort in einer Reihenfolge auf, die vom Niedrigen zum Hohen geht. Petrarca scheint damit deutlich zu machen, "daß der nächste Trumpf den vorigen überwindet, der Zug beginnt mit der Liebe, die durch die Keuschheit überwunden wird...; stärker als sie ist der Tod, dem der über ihn hinaus dauernde Ruhm folgt. Er erliegt der alles verschlingenden Zeit. Doch über sie triumphiert am Ende die Ewigkeit.""

 

Karneval in Venedig                          Bildquelle unbekannt

 

Mythos Tarot

Anfang der 90er Jahre erschien ein interessantes Tarotbuch. Es beschreibt die historische Entwicklung des Tarot von der Spielkarte zum Einweihungsweg. Es wird die Entstehung der Legende des ägyptischen Ursprungs erzählt, wer die Tarotbilder erstmals mit dem hebräischen Alphabet, der Kabbala und der astrologischen Symbolik verband und von der Entwicklung des Revolutionärs Abbe Constant zu Eliphas Levi, dem größten Okkultisten des 19. Jh.

Aus dem Buch "Mythos Tarot" von Eckhard Graf, Param Verlag Ahlerstedt 1989

"Wo war denn eigentlich in diesen Bildern das Geheimnisvolle? Wo war der Bedarf für eine ausgeklügelte Entdeckungslehre "kartologischer" Denker, Deuter und Dilettanten? Uns mögen diese Darstellungen noch so bizarr und mystisch anmuten. Daß dies für Menschen, die ein halbes Jahrtausend vor uns lebten, auch galt, muß allerdings doch bezweifelt werden. Denn sie kannten die Vorbilder dieser Motive ja aus ihrer eigenen Lebenswelt. Was eine Gemeinschaft von Verschworenen viel, viel später als die 22 "großen Arkana" des Tarot entschlüsseln sollte, war zu Beginn nichts als Unterhaltungsgrafik, Bildzeichen des Zeitgeistes der italienischen Renaissancekultur. Gaukler vor ihren Wundertischen, Narren in bunten Kleidern und hohe Herren in prächtigen Wagen waren ganz gewohnte Erscheinungsbilder des täglichen Lebens. Die Tugenden Kraft, Mäßigkeit und Gerechtigkeit kannte man aus den Belehrungen seiner Erzieher und, wenn man gebildet war, auch aus dem philosophischen Erbe der Antike. Auch Bilder des jüngsten Gerichtes, der Liebe und des Glücksrades hatten nichts fabelhaftes an sich. Man sah sie an Kirchen und öffentlichen Gebäuden ebenso wie personifizierende Darstellungen von Stern, Mond und Sonne.

Selbst Tod und Teufel stellte sich der Mensch zu dieser Zeit nun einmal sehr menschlich vor. Zu jeder Zeit nahmen illustrierte Kartenspiele zeitgeschichtlich aktuelle Themen auf. Das scheint auch mit dem Motiv der Päpstin im Tarock-Spiel geschehen zu sein. Und dann der am Fuße aufgehängte Mann, wirklich ein seltsamer Anblick für uns. Esoterische Ideenjäger fühlen sich heute berechtigt, Parallelen zur germanischen Götterlehre zu ziehen und den Ärmsten als Odin zu deuten, der sich in die Zweige des Weltenbaums hängte, um Runenleser und Zaubermeister zu werden. Solche Spekulationen erfüllen zwar den guten Zweck, im Zeitalter der wissenschaftlichen Enträtselung der Welt das unstillbare Bedürfnis nach Märchen und Legenden zu befriedigen. Im ausgehenden Mittelalter jedoch hatte man beim Anblick eines solchen Bildes auf einer Spielkarte eine eher beklemmende Assoziation, die allerdings nur den Realitäten der damaligen Strafgerechtsbarkeit Rechnung trug.

Selbst wenn man das Geheimnisvolle dem Eindeutigen vorzieht und dabei bleiben möchte, Tarot sei immer schon ein kosmisches Mysterium gewesen, wird man doch zugeben müssen: die eingängigen Motive der 22 trionfi wurden hervorragend ihrem Zweck gerecht, den Tarock-Spielern eine problemlose Bestimmung der Spielfunktion jeder dieser Karten zu ermöglichen. Die Komposition hatte sicherlich auch ihre ästhetischen Reize, bevor die kommerziellen Möglichkeiten des neuen Spiels erkannt wurden und mit Hilfe des Blockdrucks Tarock-Karten massenhaft hergestellt wurden. Der Gesamtcharakter der Bilddarstellungen mochte gar, in den Worten Georg Forsters, "eine gewisse moralische Bedeutung" vermittelt haben. Das aber wohl kaum als Menagerie von Archetypen, sondern als geistvolles Accessoire einer hochgeschätzten Form der Unterhaltung."

 

Visconti-Tarot des 15. Jh.  Bild: tarothistory.com 

 

Die Wege des Tarot

Aus dem Buch "Wahrsagen mit Tarot-Karten" von Edwin J. Nigg, Schellen-Verlag, Niederteufen Schweiz 1979

"Waren es um 1550 insbesondere die italienischen Adelshäuser, die dem Tarot huldigten, treffen wir die Karten bereits wenige Jahre später in den Häusern des Bürgertums und beim gewöhnlichen Volk. Die Faszination des Kartenspiels, verbunden mit den Geheimnissen der Wahrsagerei, führte zu einer sehr schnellen Verbreitung. Staat und Kirche stellten sich wiederholt der Entwicklung in den Weg, ohne dabei einen nennenswerten Erfolg erzielen zu können. In Frankreich war eine sehr ähnliche Entwicklung zu beobachten. In den übrigen Ländern hatten vor allem die Zigeuner einen großen Anteil zur Verbreitung des Kartenspiels.

Sehr häufig kam es vor, daß die Spiele in den Händen von Leuten landeten, die damit eigentlich nichts anzufangen wußten. Oft wurde dann das Spiel geteilt, die 22 "unheimlichen" Arkanen zur Seite gelegt und mit den verbleibenden 56 Karten ein normales Spiel gespielt. Diese 56 Karten unterschieden sich lediglich durch die zusätzliche Figur des Ritters von einem üblichen Whist- oder Bridgespiel. Aus dieser Tatsache haben viele Kartenforscher die Behauptung abgeleitet, daß Tarot die eigentliche Mutter aller Kartenspiele sei. Wenn wir die Ritter weglassen und dafür die unnumerierte Karte des Narrs zum Joker umfunktionieren, haben wir in der Tat ein eigentliches Bridgespiel. Mir scheint diese Theorie aber trotzdem nicht besonders glaubwürdig, kennen wir doch Erwähnungen über das allgemeine Kartenspiel, die sehr viel weiter zurückgehen. Zudem ist nicht anzunehmen, daß ein Volk seine ersten Spielkartenerfahrungen mit einem so umfangreichen Spiel gesammelt hat.

Die Spielkarte schloß im ersten Drittel dieses Jahrtausends die Lücke zwischen dem anspruchsvollen Schach und dem reinen Glücksspiel wie Hölzeln und Würfeln. Die geniale Kombination zwischen dem Denkspiel und dem Zufall, zwischen Können und Glücksspiel hat einen Siegeszug ohnegleichen ausgelöst. In einer Rekordzeit hat das allgemeine Kartenspiel ganz Europa erobert. Selbst in der modernen Zeit der Massenmedien ist es nicht denkbar, daß ein Spiel eine so schnelle Verbreitung finden könnte.

Wie war es nun mit dem Wahrsagen? Daß in dieser finstersten Zeit des Aberglaubens die Tarot-Karten hauptsächlich zum Wahrsagen benutzt worden sind, ist verständlich. Schon damals gab es verschiedenste Kategorien von Wahrsagern. Die "ernsthaften" unter ihnen haben sehr komplizierte Auslegearten konstruiert und eine eigentliche Tarot-Wissenschaft entstehen lassen. Zum größeren Teil wurden aber damals wie heute die sprechenden Bilder der hohen Arkanen gefühlsmäßig und nach Intuition des Legers interpretiert. Bekämpfte der Kreis der Wissenden das Tarot, um die Reinheit der Lehre zu erhalten, so verdammte die Kirche diese Karten über lange Zeit, weil sie als Werkzeug des Teufels galten. Die Geschichte der Kartenmacher liest sich oft als eigentlicher Leidensweg. Immer wieder wurden die Karten verboten, und immer wieder wurde den Kartenmachern nahegelegt, sich doch auf ihre zweite Spezialität, auf die Herstellung von Heiligenbildern, zu beschränken."

 

Tarot Classic des 18. Jh.

Bild: aeclectic.net

 

Tarot de Marseille

Aus dem Buch "Lexikon des Tarot" von Eckhard Graf, Verlag Naglschmid, Stuttgart 1991

"Um die Wurzeln des Tarot zu finden, wird tief, sehr tief gegraben. In den frühen Hochkulturen sucht man die Urbilder dieser Karten, über die sich heute Millionen von Menschen andachtsvoll beugen. Bis in das alte Ägypten geht man zurück, selbst bis zum mythischen Atlantis, von dem Platon im Timaios berichtet. Den Tarot fand man dort freilich nicht. Aber unerschütterlich beharren die meisten Autoren darauf, daß die Tarot-Esoterik uralt sei. Tatsache jedoch ist: Das Mysterium Tarot wurde nicht etwa in grauer Vorzeit, sondern an der Schwelle des wissenschaftlichen Zeitalters geboren. Sein erster Protagonist war kein Wahrsager oder Magier, sondern ein aufgeklärter Intellektueller mit starker Intuition (Court de Gebelin). Gewissermaßen eine Nebenwirkung seiner Spekulationen war, daß seither nur eine Form Tarockspiels als Urbild des "Ewigen Tarot" gilt: das Marseiller Tarock. Für noch ältere Tarock-Karten besteht weniger unter Esoterikern als bei Historikern und Kunstliebhabern Interesse. Nun ist eine wenig beachtete, aber unumstößliche Tatsache, daß das Marseiller Tarock vor Court de Gebelin nichts mit Wahrsagerei, aber viel mit der menschlichen Leidenschaft für das Kartenspiel zu tun hatte. Seine Geschichte beginnt in Norditalien, wo das Tarock im 15. Jahrhundert entstand. Um die Wende zum 16. Jahrhundert wurde dort ein Tarock-Spiel gezeichnet, das auffallende Ähnlichkeiten mit Karten jener Art aufweist, die wir heute "Marseiller" Tarock nennen. Seine Blüte erlebte dieser Kartentyp im 17./18. Jahrhundert in Frankreich. Erst im 18. Jahrhundert jedoch wurde der Begriff "Marseiller Tarock" (Tarot de Marseille) geprägt, da Blätter dieser Art nun vorwiegend in Marseille hergestellt wurden. Die ältere Form des Marseiller Tarock pflanzte sich im Besancon Tarock und im Lombardischen Tarock fort. Die heute als Tarot de Marseille verkauften Blätter dagegen gehen auf eine jüngere Form, meist auf ein und dasselbe Spiel des Nicolas Conver von 1760, zurück. Im 18. Jahrhundert trat das Marseiller Tarock auch in Italien seinen Siegeszug an. Darüber hinaus erfreute es sich im deutschsprachigen Raum und in Südosteuropa großer Beliebtheit. Beim Kartenlegen dagegen spielte das Marseiller Tarock noch im 19. Jahrhundert kaum eine Rolle. Dazu bevorzugte man entweder Orakelspiele (siehe Lenormand) oder den Tarot von Etteilla. Erst im Jahre 1889 erschien eine rein esoterische Bearbeitung des Marseiller Tarock (Oswald Wirth Tarot). Der Waite Tarot aus dem Jahre 1910 sorgte dafür, daß die Ikonographie des Marseiller Tarock noch heute in den meisten esoterischen Tarots nachwirkt."

  

Bild: wikipedia.de

   

Jean Baptist Alliette (Etteilla)

Aus dem Buch "Lexikon des Tarot" von Eckhard Graf, Verlag Naglschmid, Stuttgart 1991

"Etteilla war als Kartenleger schon lange eine Pariser Berühmtheit, als Court de Gebelin erkannte, daß sich das alte Tarockspiel bestens dafür eignete, der Kartendeutung eine schöngeistige Note zu verleihen. Der Ruf eines großen Wahrsagers eilt Etteilla auch heute noch voraus. Wer allerdings Tarot als spirituelle Disziplin ernst nimmt, hat meistens keine gute Meinung von ihm. Mit Etteillas schillernder Rolle wird ein wunder Punkt im Selbstverständnis der Praxis des Tarot berührt. Im Zwiespalt zwischen halbseidener Wahrsagerei und religiöser Emphase verbirgt sich wohl auch der tiefere Grund für die Hartnäckigkeit, mit der unter Tarot-Esoterikern seit fast eineinhalb Jahrhunderten ein kurioses Gerücht umgeht: Es heißt, Etteilla sei ein ungebildeter "Perückenmacher", "Barbier" oder "Frisör" gewesen, und nur sein Hang zur Selbstdarstellung habe ihn Kartenleger werden lassen. Diese Behauptung geht auf den französischen Historiker Boiteau zurück; sie wurde aber erst durch Eliphas Levi zur allgemeinen Überzeugung. In Wahrheit war Etteilla ursprünglich ein Rechenlehrer. Um das Jahr 1753 dürfte er ein professioneller Wahrsager geworden sein. Mit Fug und Recht kann man ihn den eigentlichen Erfinder des Kartenlegens bezeichnen. Aus dem simplen Kartenorakel, das seit dem Spätmittelalter mit einfachen Spielkarten betrieben wurde, schuf er eine psychologisch durchdachte Methode der Divination. Bereits im Jahre 1770 hatte er ein Buch über seine Kunst veröffentlicht. Er vertrieb auch ein speziell zum Wahrsagen eingerichtetes Spielkartenblatt und hielt öffentliche Kurse im Kartenlegen ab. Es gehört zu den Pikanterien in der Geschichte der Tarot-Esoterik, daß Court de Gebelin seit 1781 das Amt eines Literaturzensors bekleidete, und daß Etteilla 1783 beim Versuch der Veröffentlichung seines ersten Tarot-Buches Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde bekam. Doch nichts konnte den Siegeszug seiner Ideen aufhalten; auch heute noch steht die Praxis des Tarot tief in seiner Schuld."

  

Bild: villarevak.org

 

Tarotgeschichte

Aus dem Buch "Das Visconti-Tarot" von Giordano Berti und Tiberio Gonard, Verlag Königsfurt Urania 1999

"Tarotkarten erschienen erstmals im 15. Jh. in Oberitalien. Es handelte sich um kostbare Kartensätze, handgemalt, meistens mit Gold verziert, die auf den Inventarlisten der Visconti, der Fürsten zu Mailand, Bologna oder Ferrara als wertvolles Besitztum geführt wurden. Keines der allerersten Tarotdecks ist vollständig erhalten. Die Tarotkarten wurden anfangs mit großem Aufwand gefertigt, die Figuren mit Temperafarben bemalt und mit dünnem Blattgold belegt. Die Trumpfkarten, diese "Allegorien der trionfi" gelten als ein klassisches Produkt der italienischen Renaissance. Doch schon gegen Ende des 15. Jh. ist eine Tendenz zur Veränderung der Bilder festzustellen. Auch erhielten sie erst im Laufe der Jahrhunderte ihre Bezeichnungen und zahlenmäßige Zuordnung.

 

Renaissance- oder Visconti-Tarot

ca. 1430

Tarot de Marseille

ca. 1500

Festlegung einer Kartenreihenfolge

ca. 1650-1750

Tarotdeutung und Salon-Tarot

ab ca. 1780

Okkultes Tarot

seit ca. 1800 (Blütezeit ca. 1850-1910)

Klassiker des heutigen Tarot

Rider-Waite-Tarot 1909/1910

Crowley-Tarot 1943 (gedruckt 1969)

Wiederentdeckung des Tarot

Vorläufer ab ca. 1960

größere Verbreitung ab ca. 1980"

 

Der Rider-Waite-Tarot

Anfang des 20. Jh. hat der Buchautor, Unternehmensverwalter und Theaterdarsteller Arthur Edward Waite mit Hilfe der Künstlerin Pamela Colman Smith alle 78 Karten des Tarots bebildert. Das Sola Busca Tarot des späten 15. Jh. war bis dahin das einzige Tarotdeck, bei dem neben den 22 Trümpfen auch die sogannten Zahlenkarten bildliche Darstellungen erhielten. Der Rider-Waite-Tarot ist eines der weltweit beliebtesten Tarotdecks, wohl auch wegen seiner einfachen Bilder.

 

Trumpf II - Die Hohepriesterin

Bild: albideuter.de

 

Der Crowley Tarot

Aus dem Buch "Lexikon des Tarot" von Eckhard Graf, Verlag Naglschmid, Stuttgart 1991

"Wie die Esoterik nicht ohne Tarot, so ist Tarot nicht ohne ihn denkbar: Edward Alexander ("Aleister") Crowley, den Sohn eines christlichen Laienpredigers, der als ruchloses "Großes Tier" (The Great Beast) Furore machte. Einen Eindruck seines luziferischen Persönlichkeitsprofils mag die Vorgeschichte des Crowley Thot Tarot geben. Er gilt als unerschöpfliches Reservoir esoterischen Wissens, wird sogar als "Enzyklopädie der Symbole" gerühmt. In der Tat ruht dieser Tarot auf einem Gedankengebäude, das nicht nur komplex, sondern auch systematisch ausgewogen ist. Das scheinbar unwichtigste Detail ist durchgeplant. Über eines wird jedoch nur selten gesprochen: Diese Systematik wurde nicht etwa von dem Mann entwickelt, dessen Namen die Karten tragen, sondern von seinem Lehrmeister Samuel Liddel Mathers. Er hatte im Jahre 1912 sogar einen Prozeß gegen Crowley angestrengt, um zu verhindern, daß, neben anderen Geheimnissen des Golden Dawn, auch der Plan dieses  Tarot bekannt würde. Doch sicher wäre die Welt des Tarot heute um ein echtes Renomierstück ärmer, hätten die englischen Gerichte dem "Logos des Äons" (Crowley über sich selbst) damals nicht einmal Recht gegeben. Um auch die künstlerische Verwirklichung des Projektes sicherzustellen, griff Crowley auf die Fertigkeiten einer Dame von Rang und Namen zurück. Lady Frieda Harris, die Ehefrau von Sir Percy Harris, einem Fraktionsführer der liberalen Partei im britischen Unterhaus, war eine der letzten Freundinnen des Meisters, als er sich in vorgerücktem Alter von einer kleinen Schar Getreuer pflegen ließ. Nach seinen Anweisungen malte sie 78 Ölbilder. Sie wurden im Jahre 1944 von zwei Galerien im Londoner West End als Crowley Tarot ausgestellt. Jedem Naturalismus abhold, verbindet der Bildzyklus die visionäre Insichgekehrtheit des Symbolismus mit den vitalen Ausdrucksformen des Expressionismus. Er gibt dem esoterischen Tarot erstmals ein modernes Gesicht. Auch als Ganzes hinterläßt er den Eindruck künstlerischer und gedanklicher Geschlossenheit. Obwohl diese Karten nicht einfach zu verstehen sind, bereitete Crowleys Instinkt für die richtige Mischung aus Spektakulärem und Introvertiertheit ihrem Erfolg den Weg. Es ist einem undogmatischen Crowleyaner zu verdanken, daß auch ganz normale Menschen zu Genießern dieses okkultistischen Jahrhundertwerkes werden können. Ohne zum schwer verständlichen Erklärungsbuch Crowleys greifen zu müssen, kann man sich anhand der eingängig, aber reflektiert geschriebenen Handbücher Gerd Zieglers in die exotische Gedankenwelt des Crowley Thot Tarot vertiefen."

 

Edward Alexander Crowley

Bild: ashejournal.com

 

Tarot-Handbuch

Aus dem Buch "Tarot Spiegel der Seele" von Gerd B. Ziegler, Verlag Urania, Neuhausen Schweiz 1988, 44., überarbeitete Neuauflage 2005

"Die Entstehung des Thoth-Decks geht auf die Aktivitäten der Golden Dawn Society zurück, einer Gruppe brillanter Köpfe, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hatte, das westliche Gesellschaftssystem durch die Arbeit mit Symbolen zu verändern. Sowohl Arthur Edward Waite (vgl. "Rider-Waite-Tarot") als auch Aleister Crowley waren Mitglieder dieser Gemeinschaft. Waite wählte für sein Tarot eher mittelalterliche Symbole, während Crowley sich zum Ziel setzte, weit zu den Wurzeln zurückzugehen. 

Dieses Deck verdankt seine besondere Gestaltung der Begegnung von Frieda Harris mit Aleister Crowley. Harris gab ihre Zustimmung zur Gestaltung der Bilder unter der Bedingung, daß Crowley während ihrer Arbeit abwesend sein müsse und nicht in schwarzmagische Praktiken verwickelt sein dürfe. Er stimmte zu, in der Annahme, daß Harris ihre Arbeit in wenigen Monaten beendet haben würde. Tatsächlich arbeitete sie fünf Jahre an den Bildern (von 1938-1943).

Als Grundlage für ihre Tarotbilder dienten Frieda Harris Crowleys Skizzen oder Beschreibungen. Obwohl sie selbst mit Tarot nicht sehr vertraut war, beeinflußte und ergänzte ihr intuitives Verstehen und weitreichendes Wissen doch in starkem Maße seine Vorstellungen. Oftmals malte sie eine Karte viele Male neu, bis sie endlich mit ihrer Ausführung zufrieden war. Dieser Tatsache verdanken wir die drei Magier, die vorübergehend (1986-1999) veröffentlich wurden. Es handelt sich dabei um die beiden anderen Magierentwürfe, die Frieda Harris zusätzlich zu dem von Crowley autorisierten angefertigt hat.

Weder Crowley (gest.1947) noch Harris (gest. 1962) veröffentlichten das Deck zu ihren Lebzeiten. Erst 1969 fotografierte und veröffentlichte Major Grady L. McMurtry die von Harris fertiggestellten Bilder. Das heute vorliegende Deck wurde in dieser Form erstmals 1977 veröffentlicht."

 

        Bild: amazon.de

 

Die Trümpfe des Tarot

0 Der Narr

1 Der Magier

2 Die Hohepriesterin

3 Die Herrscherin

4 Der Herrscher

5 Der Hohepriester

6 Die Liebenden

7 Der Wagen

8 Gerechtigkeit

9 Der Eremit

10 Rad des Schicksals

11 Kraft

12 Der Gehängte

13 Tod

14 Mäßigkeit

15 Der Teufel

16 Der Turm

17 Der Stern

18 Der Mond

19 Die Sonne

20 Gericht

21 Die Welt

 

Tarot im Alltag

Aus dem Buch "Klassischer Tarot" von Stuart R. Kaplan, Verlag Urania, Neuhausen Schweiz 1998, 2. Auflage 1999, Original U.S. Games Systems 1972

Nach Wahl oder rein zufällig - je nach Einstellung - sind die 22 Karten der großen Arkana aus dem 78 Karten umfassenden Tarotspiel deutlich mit unserem Alltagsleben verflochten. Manche Karten haben beliebten Zeitschriften und Zeitungen ihren Namen geliehen. Zeit oder Der Eremit weisen auf die Zeitschrift Time hin. Fortuna oder das Rad des Schicksals ist das Symbol der Zeitschrift Fortune. Der Stern, Die Sonne* und Die Welt sind bekannte Tageszeitungen von heute. Jeder von uns gibt und braucht Liebe, wie dies in der Karte Die Liebenden beispielhaft dargestellt ist. Astrologische Einflüsse fesseln viele von uns, wenn wir unser Horoskop in The Stars verfolgen. Der Einfluß des Mondes ist so verzaubernd, daß wir in unserer Generation Zeugen der Erforschung der Mondoberfläche durch Astronauten geworden sind. Wir sind von der Sonne abhängig, drehen uns um sie, und es gibt heutzutage noch Menschen, die Die Sonne und ihre wärmespendenden Strahlen anbeten. Wir werden immer wieder motiviert und manchmal auch gefangengehalten von den beiden großen menschlichen Schwächen des Lebens: der Liebe (Die Liebenden) und dem Schicksal (Rad des Schicksals). Wir verheimlichen unsere Ängste in Übergangszeiten, wie es Der Gehängte symbolisiert, während wir zu anderen Zeiten aus Gefühlen des Vertrauens oder der Verwirrung heraus in der Karte Der Turm von der Vergangenheit Abstand nehmen. Jeder von uns besitzt einen Hauch von der Kreativität und der Zauberkunst des Magiers, eine Vorliebe fürs Frivole, wie vom Narren symbolisiert, und zeitweise ein nicht zu verleugnendes Stück vom Teufel selbst. Wir haben alle einmal den erfolgreichen Geschäftsmann oder Führer der Karte Der Herrscher oder die dynamische und kompetente Frau der Karte Die Herrscherin gekannt. Wir begegnen in unserem Leben, sei es aufgrund unserer religiösen Überzeugung oder aufgrund einer Freundschaft, der Traditionsgebundenheit des Hierophanten. Jeder von uns erlebt Augenblicke der Bewunderung, die möglicherweise von einem vagen Gefühl des Unbehagens begleitet sind, wie bei der gelehrten Hohepriesterin, die so weise und wissend wirkt, jedoch jeglichen tieferen Gefühls oder Ausdrucks unfähig ist. In unserem gegenwärtigen Zeitalter ist das Leben sehr hektisch. Wie ein Krieger in seinem Wagen, der von zwei Pferden in entgegengesetzte Richtungen gezogen wird, eilen wir dem Untergang oder dem Sieg entgegen, wobei wir oftmals die Haupttugenden Mäßigkeit, Gerechtigkeit und Kraft vergessen..."

* Die amerikanische Zeitschrift "Sun"

 

Tarot im Spielfilm

Filmtitel: Live and Let Die, 1973

Darsteller: Roger Moore (James Bond), Jane Seymour (Solitaire)

Solitaire verwendet den Hexentarot von Fergus Hall. Zum Anschauen des Filmausschnitts bitte das Bild anwählen.

 

Bild: paulfrasercollectibles.com

 

 

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