Die Zigeunerkarten

Die Zigeunerkarten erhielten wohl genau wie die Lenormandkarten ihre Bezeichnung aus symbolischen Gründen. Mit den Zigeunern haben sie insofern eine Gemeinsamkeit, daß sie ein Geheimnis hüteten, nämlich das Geheimnis ihrer Reihenfolge. Denn auch hier muß es ja neben der alphabetischen Zuordnung eine Grundlegung gegeben haben, um die Zusammenhänge der Karten zu beschreiben. Die Grundlegung wiederum offenbart, daß die Kipperkarten eigentlich nur ein, wenn auch sehr gut gemachtes Plagiat der Zigeunerkarten sind. Die Entstehung der Zigeunerkarten fiel in die Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie am Ende des 19. Jh. Dafür sprechen neben der Motivgestaltung auch die Sprachen deutsch, ungarisch und kroatisch bei der Bezeichnung der Karten.

 

Zigeunerkarten - Grundlegung 

Spielkartenfabrik Ferd.Piatnik & Söhne, Wien                    Bilder: omeus.de

 

Bezeichnung der Karten

1 Geliebter

2 Geliebte

3 Fröhlichkeit

4 Eifersucht

5 Witwer

6 Witwe

7 Brief

8 Feind

9 Reise

10 Geistlicher

11 Geld

12 Traurigkeit

13 Gedanken

14 Verdruss

15 Heirat

16 Treue

17 Geschenk

18 Kind

19 Tod

20 Haus

21 Etwas Geld

22 Offizier

23 Richter

24 Dieb

25 Beständigkeit

26 Glück

27 Unverhoffte Freude

28 Sehnsucht

29 Falschheit

30 Besuch

31 Krankheit

32 Unglück

33 Verlust

34 Liebe

35 Botschaft

36 Hoffnung

 

Deutung der Karten

Die Zigeunerkarten können ähnlich den Kipperkarten gedeutet werden. Entscheidend sind auch hier wie bei allen Wahrsagekarten die Bildaussagen und nicht ihre Bezeichnungen. Außerdem sind die Beziehungen der ausgelegten Karten zueinander immer im Zusammenhang mit dem gesamten Bild zu betrachten. Viel Freude beim Spiel.

 

 Bild: amazon.de

 

Biedermeier-Aufschlagkarten

Anfang des 20. Jahrhunderts erschien bei Piatnik eine verkürzte Version der Zigeunerkarten im Biedermeierstil. Dabei wurde auf die Karten 21, 30, 33 und 34 verzichtet, weil man ihre Bildmotive wohl für entbehrlich hielt. Die beigelegte Erklärung aus den achtziger Jahren ist wiederum eine gute Einführung in das Kartenlegen.

Aus dem Vorwort zur Erklärung der Aufschlagkarten No.1904 von Piatnik, Wien 1986

"Seit es Spielkarten gibt - also seit ungefähr 600 Jahren - verwendet man sie auch zum Wahrsagen. Karten sind sogar das am häufigsten verwendete Mittel, um mehr über die Zukunft zu erfahren.

Nun hat sich gerade in neuester Zeit wieder verstärktes Interesse an Wahrsagekarten bemerkbar gemacht. Diese Tatsache läßt sich vornehmlich auf zwei Entwicklungen zurückführen:

Einerseits war es immer schon ein sehnlicher Wunsch der Menschen, etwas über die Zukunft erfahren zu können. Und zwar nicht nur aus purer Neugierde; es war und ist vielmehr oftmals eine Lebensnotwendigkeit, die zukünftigen Folgen einer Entscheidung zu bedenken.

Auf der anderen Seite ist die intuitive und instinktive Handlungsweise, die den Menschen vor Jahrtausenden hauptsächlich lenkte, in unserer Zeit lange in den Hintergrund gedrängt gewesen. Viele müssen daher ihr eigenes Inneres neu erfahren. Wahrsagekarten mit ihren einprägsamen, oft geheimnisvollen Bildern bieten die Grundlage, um den erwünschten psychologischen Zugang zu sich selbst zu finden. Allein durch die Konzentration auf die eigene Person und Entwicklung werden Wahrnehmungen wieder wach, die die technische Entwicklung und die schnelllebige Zeit in uns haben verkümmern lassen.

Darüberhinaus möchten wir betonen, daß das Kartenlegen auch einen großen Spiel- und damit Unterhaltungswert besitzt.

Trotzdem soll dabei der Ernst gewisser Voraussagen nie vergessen werden, obwohl es natürlich jedem Einzelnen überlassen bleibt, wieviel Glauben er den Ergebnissen schenkt.

Ganz sicher wird sich jedoch niemand der Faszination entziehen können, die diesen Karten eigen ist, die einen Weg weisen, ihn aber keinem aufzwingen."

 

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Die Zigeunerkarten von Vladimir Tesar

Im Jahre 1967 erschien eine tschechische Variante der Zigeunerkarten. Sie wurde 1970 vom Verlag ASS Leinfelden bei Stuttgart übernommen und erschien 1982 sogar in der DDR.

Aus der Anleitung "Orakel a la Karte" von Radovan Kratky, Altenburg-Stralsunder Spielkartenfabriken AG, Leinfelden 1970

"Wir wissen nicht genau, wer uns die ersten Karten bescherte. Manche behaupten, die Kreuzritter hätten sie im XIII. Jahrhundert aus dem Orient mitgebracht: Von den Mohammedanern sollen sie angeblich gelernt haben, wie man Damen hinlegt, und zwischenzeitlich strengten sie sich redlich an, den Heiden das Heilige Land abzuknöpfen. Wenn das stimmt und wenn auch war ist, daß sie aus den Ländern unter dem Halbmond die Sitte mitbrachten, in Krieg und Frieden Unterwäsche zu tragen - dann haben sich die Kreuzzüge gelohnt!

Um das Jahr 1353 herum wanderte einer der ersten Kartenkünstler nach Prag ein. Er malte Karten, die den heutigen Wahrsagekarten sehr ähnlich waren, und er stammte aus Nürnberg; das ist alles, was wir von ihm wissen.

Von Amts wegen ist uns dagegen bekannt, daß in diesem Jahrhundert in Prag Vladimir Tesar geboren wurde, ein Meister des Pinsels, des Schnitzmessers und der Nadel, dem unter vielem anderen auch diese Karten meisterlich gelangen.

Daß die Oberen den Karten und den Spielern irgendwann einmal wohlgesonnen waren, kann man nicht gerade sagen. Denn schon in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts verbot der Erzbischof Arnost von Pardubitz allen seinen geistlichen Personen, den Kartenspielern das gleiche Asyl- und Schutzrecht zu gewähren wie Dieben und Räubern. Und Jan Hajek von Hodetin verlangte 1413, daß Karten bei den Soldaten nicht zugelassen würden. Selbst die Prager Hutmacher wollten sich nicht ausschließen - und schlossen um 1640 jeden Meister aus ihrer Zunft aus, der Zuneigung zu Karten zeigte. Frau Frantiska Berkova von Fürstenberg wiederum untersagte 1625 das Kartenspiel auf allen ihren böhmischen Gütern, was dazu führte, daß ein Jahrhundert später die Einwohner von Sadska Karten nicht einmal berühren durften.

Besonders schlimm erging es den Kartenlegern, die noch im Jahre 1939 in einem Land ins Gefängnis wanderten, dessen Führer Hand in Hand mit der Vorsehung arbeitete - was er für wissenschaftlich hielt. In anderen Ländern gerieten zehn Jahre später die Karten allein deshalb in Acht und Bann, weil Fachleute sich der Voraussage von der Zukunft annahmen, die ihr Tun für wissenschaftlich erklärten, weil sie aus Schriften und Programmen und nicht aus Karten weissagten.

Solche Auffassungen konnten selbstverständlich nicht jeden zufriedenstellen, denn viele hatten den Wunsch, besser und fröhlicher in die Zukunft zu blicken. Also faßte man 1967 den entscheidenden Beschluß, eine ganz neue Wahrsagekarte entwerfen und herstellen zu lassen, und man ersparte sich dabei weder Mühe noch Opfer. So kann nunmehr auch das gemeine Volk beiderlei Geschlechts seiner Leidenschaft fröhnen, listig oder naiv den Schleier der Zukunft zu lüften und zu erfahren, welche Verhältnisse wem bevorstehen, auf daß man ihnen die Stirn biete oder gar Maßnahmen treffe, damit sie eintreten."

 

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